Haben Sie sich schon einmal gefragt, was mit Ihren E-Mail-Accounts, Social-Media-Profilen oder Online-Banking-Zugängen passiert, wenn Sie sterben? Die meisten Menschen verdrängen diesen Gedanken. Doch die Realität zeigt: Der digitale Nachlass wird für Angehörige zunehmend zur Herausforderung.
Wir alle hinterlassen heute einen digitalen Fußabdruck, der weit über das hinausgeht, was früher in Aktenordnern lag. Durchschnittlich nutzt jeder Deutsche etwa 30 bis 40 verschiedene Online-Dienste – von Amazon über Netflix bis hin zu Banking-Apps. Doch während früher ein Bankschließfach mit klarem Schlüssel übergeben werden konnte, stehen Angehörige heute vor verschlossenen digitalen Türen.
Das Problem beginnt meist dort, wo niemand damit rechnet: beim E-Mail-Postfach. Es ist der Dreh- und Angelpunkt des digitalen Lebens. Ohne Zugang dazu können Angehörige keine Verträge kündigen, keine Rechnungen einsehen und keine wichtigen Kontakte informieren. Die meisten E-Mail-Anbieter löschen inaktive Accounts nach einer bestimmten Zeit automatisch – mitsamt aller wichtigen Informationen.
Seit einem wegweisenden Bundesgerichtshof-Urteil von 2018 ist klar: Der digitale Nachlass ist vererbbar. Angehörige haben grundsätzlich das Recht, auf die Accounts Verstorbener zuzugreifen. Doch die Praxis sieht anders aus. Viele Plattformen verlangen Sterbeurkunden, Erbscheine oder notarielle Vollmachten. Manche Dienste verweigern den Zugang trotzdem unter Berufung auf Datenschutz.
Die emotionale Komponente kommt hinzu: Angehörige müssen in ihrer Trauerphase zum Detektiv werden. Welche Passwörter wurden verwendet? Wo sind überhaupt Accounts angelegt? Gibt es versteckte Abonnements, die Geld kosten? Diese Suche kann Monate dauern und ist zermürbend.
Der wichtigste Schritt ist Transparenz. Erstellen Sie eine Liste aller wichtigen Online-Konten. Dazu gehören nicht nur offensichtliche Dienste wie E-Mail und Social Media, sondern auch Streaming-Abos, Online-Shops, Cloud-Speicher und digitale Zahlungsdienste wie PayPal. Notieren Sie zu jedem Account den Benutzernamen und einen Hinweis, wie man an das Passwort kommt.
Passwörter sollten Sie niemals im Klartext aufschreiben. Nutzen Sie stattdessen einen Passwort-Manager und hinterlegen Sie das Master-Passwort bei einer Vertrauensperson. Alternativ können Sie verschlüsselte Hinweise geben, die nur enge Angehörige verstehen.
Besonders wichtig: Informieren Sie mindestens eine Person darüber, wo diese Informationen zu finden sind. Der beste Notfallplan nützt nichts, wenn niemand von seiner Existenz weiß. Bewahren Sie die Dokumentation an einem sicheren, aber zugänglichen Ort auf.
Facebook bietet seit einigen Jahren die Möglichkeit, einen Nachlasskontakt zu benennen. Diese Person kann im Todesfall Ihr Profil in einen Gedenkzustand versetzen oder löschen lassen. Instagram und andere Plattformen haben ähnliche Funktionen eingeführt. Nutzen Sie diese Optionen aktiv.
Überlegen Sie auch, was mit Ihren Fotos, Videos und persönlichen Nachrichten geschehen soll. Möchten Sie, dass Angehörige Zugriff darauf haben? Oder sollen bestimmte Inhalte privat bleiben? Diese Entscheidungen können Sie nur zu Lebzeiten treffen.
Digitale Vorsorge bedeutet nicht, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Sie ersparen Ihren Liebsten die mühsame Suche nach Passwörtern, die Auseinandersetzung mit Service-Centern und die Unsicherheit, ob sie alles gefunden haben.
Ein strukturierter Notfallordner hilft Ihnen dabei, den digitalen Nachlass systematisch zu dokumentieren. Von Zugangsdaten überlaufende Verträge bis hin zu Ihren Wünschen bezüglich Social-Media-Profilen – alles findet seinen Platz. So schaffen Sie Klarheit für sich selbst und Sicherheit für Ihre Angehörigen.
Die digitale Welt entwickelt sich ständig weiter. Deshalb sollten Sie Ihre Dokumentation mindestens einmal jährlich aktualisieren. Neue Accounts kommen hinzu, Alte werden gelöscht. Nur eine aktuelle Liste hilft wirklich.
Mehr erfahren: Einen vollständigen Überblick über alle wichtigen Vorsorgebereiche – inklusive digitalem Nachlass – finden Sie in unserem Notfallordner für Ihr Leben.